Es ist vermutlich so ein Thirtysomething-mit-Kind-Thema einiger Städter. Können oder wollen wir unsere Kinder in der Großstadt aufwachsen sehen? Profitieren wir noch vom riesigen Angebot der Stadt oder würde uns und den Kindern ein Leben auf dem Land in der aktuellen Lebenssituation nicht doch mehr bieten? Diese Fragen haben wir uns immer häufiger gestellt in den letzten Jahren und sind dann im vergangenen Sommer aus der Stadt mit K aufs über 100km entfernte Land gezogen. Weit genug weg um tatsächlich einen Neuanfang zu wagen, mit neuer Arbeit, neuem Kindergarten, neuen Kollegen, Freunden, Sportvereinen und was sonst noch so dazu gehört.

Eine Zwischenbilanz:

Zunächst einmal, Köln ist toll! Hier haben wir gelebt, gefeiert, geheiratet. Unsere beiden Kinder sind hier geboren und haben ihre ersten Schritte auf kölschen Boden gesetzt. Mit einer Träne im Knopfloch haben wir letzten Sommer unsere vielen Kisten gepackt und leise Tschö gesagt. Aber man geht tatsächlich niemals so ganz. Ich komme nach wie vor immer wieder gerne zu Besuch zurück und bin jedesmal gerührt, dass wir eine Lücke hinterlassen haben und vermisst werden. Und doch sind die Gründe für unseren Umzug für mich jedesmal sehr sichtbar und ich atme tief durch und freue mich auf zuhause wenn wir wieder zurückfahren aufs Land. Der Lärm, der Dreck, die Hektik, der Straßenverkehr…ich werde alt.

Ich bin selbst sehr ländlich groß geworden und erst fürs Studium in eine größere Stadt gezogen. Wir Kinder damals hatten extrem viele Freiheiten. Meine Kindercafés waren der Wald hinterm Haus und der Spielplatz um die Ecke. Nach Hause gingen wir alle nur, wenn der Hunger zu groß wurde oder die Straßenlaternen angingen. Those were the days…Für meine Kinder wünsche ich mir eben solche Erinnerungen.

Ich weiss natürlich, dass die Zeiten heute andere sind und mein eigener Mama-Helkopter tief über den Kinderköpfen kreist. Ich möchte aber zumindest, dass sie die Chance haben, sich später an gebaute Staudämme und Bretterbuden erinnern zu können. Jetzt haben sie diese Möglichkeit und ich bin sehr dankbar dafür.

Auch wenn aller Anfang schwer ist, haben wir vier ihn großartig gemeistert. Allen voran die Kids, die nach wenigen Tagen ihre ersten Freunde kennenlernten und die neue Freiheit eines Gartens mit Trampolin ausgiebigst feierten. Unsere umliegenden Nachbarn konnten nach kurzer Zeit in ihr „Heut ist so ein schöner Tag, schalalalala“ einstimmen.

Auffällig ist, dass die Menschen hier mit viel weniger Hektik und Aggressivität auskommen, als in der Stadt. An der Kasse hat es mehr Zeit, beim Bäcker wird auch mal ein persönliches Wort ausgetauscht, selbst wenn die Schlange bis zur Tür steht. Die Autofahrer lassen Platz, damit man ohne Stress einparken kann oder gewähren Raum zum Ausparken. Es gibt auch keine Drängler, wenn das Tochterkind an der Hand nicht schnell genug den Gehweg langspaziert. Das kannte ich aus der Großstadt nicht! Was mich aber mit am meisten erstaunt und entlastet ist die Nichtexistenz von Hundehaufen auf dem Gehweg. Ich habe es in Köln so gehasst, den Kindern nach nahezu jedem längeren oder kürzeren Ausflug die Tretminen von den Elefantenschühchen zu kratzen. Vorbei.

Natürlich ist nicht alles einfach, wenn man mit Kind und Kegel den Neuanfang wagt. Die Kinder haben seit dem Herbst so ziemlich jeden Infekt mit nach Hause gebracht, den der neue Kindergarten im Angebot hat. Das aktuell fiebernde Tochterkind neben mir auf der Couch kann ein Liedchen davon singen. Natürlich vermissen wir und die Kleinen unsere Freunde und die kurzen Wege zur Familie. Insbesondere zur Karnevalszeit wurde ich auch das ein oder andere mal recht sentimental. Et Hätz säht Alaaf, nit Helau. Nur gut, dass wir eben doch zum Rosenmontag in Köln sein konnten und die Domspitzen in der Sonne haben blitzen sehen.

Dennoch, wir fühlen uns wohl und sind angekommen in der neuen Heimat. Wir haben einige sehr nette, humorige Menschen kennengelernt, die uns offen aufgenommen haben. Mein großer Dank dafür! Dank Amazon Prime und Sky on Demand fühle ich mich nicht unbedingt abgehängt von urbanen Konsum- und Entertainmentmöglichkeiten und gut gegessen, getrunken und gefeiert wird letztlich überall. Ein Philharmonie- oder Konzertbesuch musste schon vor unserem Umzug gut organisiert sein und so ist es noch.

Ich glaube unser großer Vorteil ist, dass wir weit genug weggezogen sind um tatsächlich neu anzufangen, aber nicht so weit, als dass wir nicht immer mal wieder nach dem Rechten schauen können in der alten Heimat. Ein Großteil unserer Familie lebt schließlich weiterhin dort. Zieht man hingegen „nur“ so eine halbe Stunde raus in die Vorstadt, behält man vielleicht doch die Mitgliedschaft im alten Fitnessstudio oder den Büchereiausweis im Portemonnaie. Man fährt dann eben ein paar mal öfter rein in die Stadt. Vielleicht bleibt das Kind dann doch in der altbekannten Kita, eben weil alles so gut eingespielt ist. So hätte ich es wahrscheinlich gemacht. Ich denke, es wird dann schwierig sein anzukommen im neuen Leben, dass sich dann vielleicht gar nicht so neu anfühlt.

Unseren Entschluss haben wir bisher nie in Frage gestellt oder bereut und ich freue mich darauf, wenn mein Sohn bald schon mit glühenden Wangen, müde gespielt nach Hause kommt, nur weil die Straßenlaternen angegangen sind.

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